Als die Elefanten mich riefen…

Als die Elefanten mich riefen…

Die Flammen loderten und erleuchteten den sonst dunklen Campingplatz. Mein Hunger wurde mit dem Geruch des Braai-Fleischs immer größer und der Blick in den Sternenhimmel machte mir mal wieder deutlich, wie weit wir von jeglicher Zivilisation entfernt waren. Nur das Knistern des verbrennenden Holzes war zu hören und das Zischen, wenn die Marinade in die Glut tropfte. Es war ein Urlaub von meiner Auszeit. Ich war geflüchtet aus meinem deutschen Leben, indem die Karriere den Weg bestimmte und ich mich über jede U-Bahn ärgerte, die ich um eine Minute verpasst hatte.

Wann immer ich unterwegs war, schien es mir, als sei ich auf der Flucht, weil schon das Nächste – hoffentlich Größere und Bessere – auf mich wartete. Also nahm ich mir sechs Monate Zeit, um mich auf einer Farm in Namibia wieder auf mich zu besinnen. Um zu merken, dass es keinen Zeitdruck als den von mir selbst auferlegten gibt, und um zu erfahren, dass es eigentlich die Natur ist, die unser Leben bestimmt und die wir in der von uns so modifizierten Welt kaum noch wahrnehmen. Und so saß ich am Feuer und träumte vor mich hin. Ich hatte all die Tiere gesehen, bei denen ich mir im Reiseführer ein Herz hingemalt hatte – Bis auf die größten, die Elefanten. Schon drei Tage war ich mit namibischen Freunden unterwegs, um endlich einmal in die kleinen Augen der grauen Dickhäuter blicken zu können. Doch vergeblich.

Es hieß, wenn sich Elefanten nicht bewegen, übersieht man sie. Das schien tatsächlich wahr zu sein. Also holte ich mir das nächste Bier und drückte auch unserem Braai-Master eins in die Hand. Ihm stand sichtlich der Schweiß auf der Stirn, von der seine Lampe auf das auf dem Rost liegende Fleisch schien. Ich war glücklich und doch auch ein Stück enttäuscht, so wie ich es aus meinem Leben eben kannte – Auch jetzt wollte ich mich nicht mit dem, was ich erlebt hatte, zufriedengeben, sondern das „Größere und Bessere“ erfahren. Und gerade dann, als ich mir dessen bewusst wurde und mich selbst dafür in die Mangel nahm, geschah es.

Auf einmal brüllten Elefanten aus der Richtung des nahe liegenden Wasserlochs. Alles zog sich in mir zusammen, denn ich traute mich nicht, laut zu fragen, ob es wirklich das sei, was ich dachte, doch da strahlten mich schon längst alle Gesichter der „Locals“ an, die mir dieses Erlebnis von Herzen gönnten. „Geh schon“, hieß es, obwohl das Essen gerade fertig war. Ich ging nicht, ich rannte. Ich rannte zum Wasserloch und in dem dämmrigen Licht der dort angebrachten Lampen schien alles wie ein Traum, den es nur in der Natur zu erleben gibt. Mehr als 15 Elefanten tranken, suhlten sich im Wasser, spritzen sich das Nass auf ihren Rücken und fächerten mit den Ohren. Groß und Klein war dabei und nur ihr Prusten und das plätschernde Wasser waren zu hören. Denn auch das war wahr: Wenn Elefanten laufen, bleibt es still. Und ich blieb, bis auch der letzte von ihnen von dannen gezogen war. Das Gefühl meiner Gänsehaut werde ich nie vergessen. Es war einer der Momente, in denen ich wusste: In diesem Land will ich bleiben.

Von Nina Cerezo

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