Mein Stein vom Huab

Mein Stein vom Huab

Viel zu selten kam ich zurück an den Ort meiner Kindheit, und endlich hatte das geklappt. Wir Geschwister hatten uns viel zu erzählen, Erinnerungen vom Farmleben früher wurden ausgetauscht, es wurde ein langer und lustiger Abend. Spät sank ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf, erwachte aber morgens sehr früh mit einem Brummschädel und revoltierenden Magen. Kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt und getrunken half nichts. Ich musste raus. Kühle Nachtluft umfing mich und ich sog sie tief ein.

Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und ich begann zu laufen, ich lief und lief ziellos einfach irgendwohin. Kein klarer Gedanke wollte sich in meinem schwammigen Kopf formen, aber die Bewegung, die tat gut.
Am östlichen Horizont kündigte ein grauer Streifen den neuen Tag an. Geniessen konnte ich den frühen Morgen nicht, mir war elend und übel, der Kopf klopfte, der Magen wogte, dauernd griffen Hackizweige nach mir, und so stolperte ich über Stock und Stein, bis mein Körper den üblen Mageninhalt endlich loswerden konnte. Nach ein paar tiefen Atemzügen wurde mir besser. Die Nebelschleier im Kopf lichteten sich, und ich konnte Bäume, Felsen und Steine erkennen. Der Tag nahm Gestalt an.
Ich ging ein Stück und blieb in einem schmalen, ausgedörrten Wasserlauf zwischen zwei Bäumen stehen. Den Rand der trockenen, flachen Rinne säumten vereinzelt knorrige alte Mopanebäume. Als ich mich umsah, nach rechts, nach links, nach unten, blickte mich ein Stein an, schmutzigweiß, kugelrund, stumm. Ich hob ihn auf. Er schmiegte sich. in meine Hand, schien sich dort wohlzufühlen. Obwohl es ein Quarzstein war, war er nicht glatt, sondern etwas rauh. An drei Stellen konnte ich leichte Einbuchtungen fühlen, dort war die Oberfläche glatter. Mein Daumen, Zeigefinger und die Kante des vorderen Mittelfingergelenkes passten genau in diese Kuhlen. – Ein Steingerät,.zum Werfen oder zum Hämmern? Nachdenklich drehte ich die Steinkugel in meiner Hand um und um, lief dann in die Richtung, aus der der Stein wohl hergespült sein musste und schritt langsam den Wasserlauf entlang, den steinigen Boden mit den Augen absuchend. Überall lagen kleine Quarzsplitter und kleinere Geröllstücke verschiedenster Art.

Nach einer Weile hielt ich inne. Es war heller geworden. Vorn und auf der rechten Seite schimmerten Granitfesen durch das dichte Gebüsch, links lichtete sich der Busch und gab eine Kiesfläche frei, aus der ein dicker länglicher Granitfelsen ragte. An dem Felsen war ein heller Fleck, der meinen Blick magisch anzog. Je länger ich hinsah, desto deutlicher nahm der Fleck die Gestalt einer Antilope an, granitgrau im Dämmerlicht und gehörnt. Ich ging hin. Vorsichtig tastete ich über die Figur. Meine Sinne hatten mich nicht getäuscht, sie war wiklich da, nun gut sichtbar.
Wie in einem Traum wurde ich plötzlich vor meinem inneren Auge Teil einer Szene: Sitzende braune Menschen, leicht nach vorn gebeugt, beschäftigt, ich hörte Stein auf Stein klopfen. Ein Mann sah von der Arbeit auf und blickte mich an. Er kannte mich und lächelte … das Bild verflüchtigte sich wieder. Nur noch der runde weiße Stein lag warm in meiner Hand und die Antilope auf dem Felsen wurde von der soeben aufgehenden Sonne hell angestrahlt.
In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander; was war das denn eben, war es eine Halluszination? Aufgewühlt trat ich meinen Rückweg zum Farmhaus an. Jetzt musste erst einmal Ruhe im Kopf einkehren, die Gedanken sortiert und geordnet werden. Was für ein Ort, was fuer ein Erlebnis! Es ließ mich nicht mehr los.
Es zog mich immer wieder zurück an den Ort. Ich fand die Antilope auf dem Granit wieder. Von dort lief ich die trockene Wasserrine hoch bis zum Fuß einer kleinen Granitkuppe. Wie ausgestreut bedeckten viele weisse Quarzsplitter den Boden und auf der Kuppe entdeckte ich wunderschöne Gravierungen, Abbilder von majestätischen Giraffen. Am Boden lag eine zerbrochene Platte mit einem tief eingekerbten Wabenmuster, ähnlich dem Muster auf einem Giraffenfell. An einem anderen aufrecht stehenden glatten Felsen stand eine Giraffe mit gestreiftem Hals ohne Kopf, da war ein Teil vom Fels weggeplatzt
Mit jedem Besuch dieses Ortes entdeckte ich weitere stumme Zeugen längst vergangenen Lebens: bearbeitete Steine, wie Pfeilspitzen, Mahlsteine mit glattgeriebener Oberfläche, Schabesteine, einen großen an der Oberseite abgeflachten Steinbrocken, der hüfthoch aus dem Boden ragte und eine deutliche Reibefläche aufwies. …ob darauf Grassamen feingemahlen worden waren?…ein eigenartig in den Fels getriebenes flaches, schräges Loch, dessen Rand abgerundet worden war, sodass es keine scharfe Kante gab sowie einen anderen Steinbrocken, auf dem eine runde Mahlfläche zu erkennen war. Hier hatten schon vor vielen, vielen Jahren Menschen gewohnt, gearbeitet, gelebt. Hier am Huab gab es Wasser und Wild, die verstreuten Granitkuppen boten Schutz und Wohnraum… Und ich hatte diese Stelle gefunden!
Jetzt wusste ich auch, warum diese Farm bei den Daman Schöne Stelle genannt wurde. Mein Vater hatte vor vielen Jahren einmal einen unserer alten Arbeiter nach der Bedeutung des Farmnamens gefragt, und der hatte erwidert:” Ich weiss nicht genau, vielleicht schöne Stelle.”
Dort zwischen den Granitfelsen mit ihren Bildern, zwischen Mopane und Hackibüschen fühlte es sich so vertraut an, wie zuhause; dort war ich glücklich.
Ob ich ein voriges Erdenleben dort verbracht hatte, dort selbst Bilder in den harten Granit gemeißelt hatte? War ich nach einer langen Reise mit vielen Erdenleben wieder an diesen Ort zurückgekehrt?
Hatte ich am Ende meinen eigenen Steinhammer gefunden?

by Anka Eichhoff

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